Unser charmanter Nachbar

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Begegnungen

Meist trafen wir ihn im Quartier und erspähten von weitem seinen weissen Haarschopf und seine grosse Gestalt. Sobald er uns erkannte, winkte er und kam uns mit seinem sympathischen Lächeln entgegen.

Immer wenn ich ihn erblickte, wartete ich auf den winzigen magischen Moment des Erkennens auf seinem Gesicht und das darauf folgende Lächeln voller Schalk und Freude.

In seiner charmanten und humorvollen Art tauschte er gerne ein paar Worte mit uns aus, wobei wir uns über verschiedenste Themen unterhielten, nicht tief schürfend, aber gehaltvoll.

Seine aufmerksame und freundliche Ausstrahlung faszinierte mich immer wieder. Auch wenn die Begegnung zwischen Tür und Angel stattfand und meist nur kurz dauerte, gab es Momente und Themen, in denen eine ernste Nachdenklichkeit über sein Gesicht huschte. Beim Abschied leuchtete aber immer wieder der Schalk aus seinen Augen. Nach einer Begegnung im Treppenhaus fanden wir nicht selten eine Flasche Wein vor unserer Türe stehen; ein rührender Beweis seiner Grosszügigkeit und Wertschätzung.

Geplante Einladung

Wir nahmen uns vor, unseren Nachbarn mit seiner Frau zu einem Apéro einzuladen, wenn es die Situation wieder erlauben würde. Es interessierte uns, mehr aus seinem Leben zu erfahren, wussten wir doch nur, dass er sich sehr für Menschen in Rumänien einsetzte und dort ein Hilfsprojekt aufgebaut hatte.
Es kam nie zur geplanten Einladung.

Unerwartet

Wir werden unseren charmanten Nachbarn nie wieder antreffen. Er ist unerwartet schnell an Covid-19 gestorben.
Die Welt blieb keine Sekunde stehen, die Zeit stolperte nicht über diesen Verlust, aber mein Herz schien mir zu stocken, als ich im Nachhinein vom Tod unseres charmanten Nachbarn vernahm.

Jenseits von Statistiken

Für mich ist er still schweigend aus dem Leben verschwunden, der Möglichkeit eines Austausches entglitten. Die plötzliche Leere wird mir bewusst, wenn etwas in mir auf die zufällige Begegnung in den Quartierstrassen wartet, auf den Anblick des weissen Schopfes des stattlichen Mannes, und dann wird mir bewusst, dass dies definitiv nie mehr geschehen wird.

Es wird mir ebenfalls bewusst, wie einschneidend dieser unerwartete Verlust für die Familie und Angehörigen sein muss. In Zeiten der Pandemie wird in der Öffentlichkeit von den Toten in Form von statistischen Zahlen gesprochen, von Alter und Risikogruppen. Dies ist bedrückend, wie so vieles in diesen Monaten und doch müssen wir damit leben. Wir horchen auf, wenn wir von jüngeren und vorgängig gesunden Todesopfern hören. Und das Leben geht weiter.

Lücken und rücken

Leere

Es geht auch weiter für die Angehörigen der Opfer, aber anders; mit einer Lücke, einem Verlust und der Trauer über einen Menschen mit einer langen Lebensspur. Auf dem Lebensweg vom Neugeborenen zum alten Menschen spannt sich ein weiter Bogen mit einer individuellen Geschichte, unzähligen Begegnungen, unterschiedlichsten Erfahrungen, bis hin zum Ende, das früher oder später eintritt.

Es bleibt eine stille und nachdenkliche Trauer in mir zurück, wenn ich an unseren charmanten Nachbarn denke. Er wird mir fehlen, auch wenn ich ihn nicht kannte wie einen Freund. Er war ein Mitmensch aus einer anderen Generation, die ich nur aus Erzählungen kenne, in deren Spuren wir, die Nachfolgenden, gehen.

Diejenigen, die vor mir gehen werden still schweigend weniger, entschwinden beinahe unmerklich aus den Reihen und meine Generation rückt nach, dem Horizont näher.

Am Ende des Bogens

Am Ende des Lebensbogens

Mein Nachbar hat mir gezeigt, dass man nicht viel übereinander wissen muss, um sich offen und freundlich begegnen zu können. Jeder Mensch unterwegs auf dem Bogen seines Lebens ist es Wert, gesehen und geschätzt zu werden, unabhängig davon, wie nahe er dem Ende seines Lebens ist. Ich gebe der statistischen Wahrscheinlichkeit der Lebenserwartung nicht zu viel Gewicht, denn es kann und wird anders kommen als Mensch denkt. Das lernen wir hoffentlich in dieser Krise.


In Gedenken an unseren charmanten Nachbarn und in Anteilnahme an der Trauer der Angehörigen.

In Gedenken

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