Sei freundlich zu unserer Sprache

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Zu den 20 Lektionen für den Widerstand
Buch von Timothy Snyder

Eigene Gedanken zu Lektion 9:
Sei freundlich zu unserer Sprache

Sprache
Die Sprache, wie ich sie in dieser Lektion verstehe, ist die Sprache als verbaler oder schriftlicher Ausdruck unserer Gedanken, Meinungen und Gefühle, welche den Austausch mit anderen Menschen ermöglichen. Hören und Zuhören gehören untrennbar zur Sprache und jeder sprachliche Ausdruck wird auf einen Empfänger/Hörer hin ausgerichtet, und seien es auch „nur“ Selbstgespräche oder ein innerer Dialog.

Film „Cast away“
Auf eine besondere, eindrückliche Art wurde mir dies im Film „Cast Away“ („Verschollen“) mit Tom Hanks bewusst:
Für Chuck Noland, der nach dem Absturz eines FedEx Flugzeuges auf einer einsamen, unbewohnten Insel ums Überleben kämpft, findet ein zentraler Wendepunkt in dem Moment statt, als er einen Volleyball aus dem gestrandeten Frachtgut des Flugzeugs „personifiziert“. Er zeichnet ihm, nach einer Handverletzung, mit seinem Blut ein Gesicht auf und nennt ihn fortan „Wilson“ (nach dem Markennamen).
Wilson wird für Chuck ein Gegenüber und er spricht mit ihm, teilt ihm seine Gedanken und seine Gefühle mit und erlebt dies wie einen Dialog. Der scheinbar fiktive, aber für Chuck real erlebte „Austausch“ bewahrt ihn während den vier Jahren auf der Insel zwar nicht vor Depression und Suizidplänen, aber davor, den Verstand zu verlieren.
Nach vier Jahren versucht er auf einem Floss der Insel zu entkommen. Wilson wird an einer speziellen Holzgabel befestigt und begleitet Chuck als Gegenüber, als Zuhörer und Reflexion seiner eigenen Gedanken. Nach Stürmen, Hunger und Durst und weiteren lebensbedrohlichen Situationen ist Chuck am Ende seiner Kräfte und liegt halb bewusstlos auf seinem havarierten Floss. Zu spät bemerkt er, wie Wilson ins Wasser fällt und auf den Wellen davon treibt. Er stürzt sich hinter her und versucht, Wilson schwimmend zu erreichen, ohne das Verbindungsseil zum Floss loszulassen. Aufgrund der Strömung wird Wilson fortgetragen und Chuck muss sich, an das Ende des Seils festgeklammert, entscheiden, ob er Wilson oder sich selbst retten soll. Er schreit und ruft  „Es tut mir so leid, Wilson, es tut mir so leid!“und kehrt letztendlich auf das Floss zurück. Geschüttelt von Weinen und Schluchzen bricht er vor Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zusammen und wiederholt immer wieder diesen einen Satz; ein Inbild von Verlassenheit, Einsamkeit und Isolation, am tiefsten Punkt seiner vier Jahre angelangt; scheinbar ohne Gegenüber, ohne Sprache.

Sender und Empfänger – Sprecher und Zuhörer
Durch Sprache, als (eine von verschiedenen) Möglichkeit von Ausdruck  inneren Erlebens und Geschehens, schafft der Mensch Verbindungen zwischen Ich und Du. Am Anfang jeden Ausdruckes steht eine bewusste oder unbewusste Vorstellung eines Gegenübers, eines Zuhörers. Somit stellen sich die Fragen, was ich ausdrücken möchte, welche Worte ich verwende und welche Vorstellung ich vom Gegenüber, dem Empfänger und Zuhörer habe. Diese Fragen gehören zur menschlichen Bewusstseinsentwicklung.

Virtueller Raum als „Sprachraum“
Mit dem Verfassen eines Beitrages in einem Blog oder einem Kommentar im Internet, spreche ich zwar in einen virtuellen Raum hinein, aber immer zu realen Menschen. Dessen muss ich mir bewusst sein, auch wenn meine Worte, die Sprache als Ausdrucksform, von keinem Menschen gelesen werden. Die Worte stehen im Raum, als Ausdruck von Gefühlen, Gedanken und inneren Bildern. Die Absicht und Energie, die durch die geschriebene Sprache im Internet zum Ausdruck kommen erzeugen Schwingungen und Schwingungen werden wahrgenommen. Von wem? 
Das ist die große Frage, der ich in einem nächsten Beitrag nachgehen werde. Der multidimensionale Kosmos.

Abschließende Gedanken
„Sei freundlich zu deiner Sprache“ ist eine Einladung, seinen Wortschatz zu erweitern, zu pflegen und seine eigenen Worte bewusst zu wählen.
Es ist unabdingbar, sich klar zu werden, was man wie ausdrücken möchte.
Zum freundlichen Umgang mit unserer Sprache gehört das wachsende Bewusstsein unserer Verbundenheit und Absicht: „Womit bin ich verbunden und was ist meine Absicht? Was möchte ich nähren und verstärken?“
Das wiederum führt in die Innenwelt; zur Ergründung des Herzens und der Fähigkeit des Geistes, in der Sprache schöpferisch zum Ausdruck zu kommen.

No “likes” bei mir
Es zeugt von einer gewissen Trägheit (und Manipulierbarkeit), Likes zu setzen und damit seine Stimme „abzugeben“ und sich kommentarlos einer Meinung anzuschließen.

Mein Wunsch und meine Hoffnung
Mögen wir wach, klar, freundlich und schöpferisch mit unserer Sprache umgehen!

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2 Kommentare

  1. Renner esther

    Überfordert von der Sprache Sterbender fühle ich mich kraftlos – hilflos – ge/über/fordert

    Antworten
    • Regula

      Liebe Esther, du Homo Mysticus
      Danke für deine Reaktion auf meinen Beitrag. In einem kurzen Satz hast du deine Erfahrung mit Sterbenden oder mit einem bestimmten sterbenden Menschen ausgedrückt. Du beschreibst darin, dass du an die Grenzen des menschlichen Verstehens kommst. Das ist angesichts des Todes schwer zu ertragen. Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich habe schon sehr oft erlebt, wie Menschen im Krankenhaus oder in Pflegeheimen gestorben sind. Der letzte Sterbende, an dessen Bett ich sass, war mein Vater. Er reagierte nicht mehr auf meine Worte. Das war aber schon vor seinem Sterben nicht einfach, denn er war an Alzheimer erkrankt. Da er keine Worte mehr gefunden hatte, obwohl er etwas sagen wollte, blieb ihm nur der verlorene, suchende Blick. Und ich musste den Versuch loslassen, ihn auf der Verstandesebene verstehen zu wollen. Es gab dann nur noch den Augenkontakt, die Berührung und die Worte, deren Tonfall entscheidend war, nicht mehr der Gedanke darin. Da der Mensch aber nicht sein Gehirn ist, sondern eine Schöpfung des «Quells und Ursprungs allen Seins», verstehe ich den Menschen als Seele, die Form und Gestalt angenommen hat. Dieser Körper und sein Ausdruck sind begrenzt, verletzlich und sterblich.
      Viele Menschen sind sich nicht bewusst, Seelen zu sein. Das ist auch nicht erstaunlich, denn die Seele ist nicht greifbar, hat keine Form, und kann nicht erfasst werden; ähnlich wie Nebel, eine Wolke oder ein Duft. Die Wahrnehmung der Seele im innersten Selbst kann sein wie ein Hauch, der erschüttert, oder eben wie ein Duft, der alles durchdringt und zu Tränen rührt.
      In jungen Jahren hatte ich ein Buch mit dem Titel: «Warmer Regen auf trockenes Land», von Paul de la Croix Bonvin, der als Kapuziner viele Jahre als Eremit im Wallis gelebt hat. Ich erinnere mich nicht mehr an den Inhalt.
      Da ich die Seele metaphorisch beschrieb wie eine Wolke, ist mir der Titel in Erinnerung gekommen. Vielleicht ist das, was du die Sprache Sterbender nennst, jenseits der menschlichen Sprache?
      Und wenn es nicht mehr um das Verstehen oder Reagieren ginge? Ich spüre der Erfahrung in mir nach, die ich oft am Bett Sterbender gemacht habe. In Worten ausgedrückt kommt es mir vor, als würde durch das stille Aushalten, Akzeptieren und Präsentsein im Angesicht des Sterbens etwas von dir als Zeugin, als Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, dem Nennbaren und dem Unaussprechlichen, durch das Dasein, sich etwas aus der Seele mitteilen.
      Indem du dein Kraftlossein, deine Hilflosigkeit, Forderung und Überforderung im übertragenen Sinn, wie eine bittende Hand in die Wolke hältst, dich mit deiner Seele und Sein verbindest, kann sich aus der Wolke Wasser bilden. Wasser, wie warmer Regen auf trockenes Land.
      Mit grosser Wertschätzung für dein Sein und deine Arbeit,
      Regula

      Antworten

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