Schlaflos mit Wolf | Eine Erkenntnis

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Ein Hirn, wie ein Sack voller Flöhe

Gestern Nacht war ich der Verzweiflung nahe, als ich mich zum hundertsten Mal im Bett drehte und wendete. Immerhin hatte ich schon beinahe geschlafen.
Vor dem Zubettgehen hatte ich meditiert, Atemübungen gemacht und mich entspannt. Dank einer Hypnose mit Binaurealtechnologie und einem Sprecher, der selber beinahe einzuschlafen schien, rutschte mein Bewusstsein in einen Dämmerzustand, hing in einen Traum hinein und lag doch noch halb mit mir im Bett.
Bevor die letzte Verbindung zu meinem Tagesbewusstsein riss, sprang, wie aus einem Sack voller Flöhe, eine Erinnerung aus früher Kindheit in mein Gedächtnis. Eine Weitere folgte und in kürzester Zeit war mein Kopf voller Gedanken und Erinnerungen.

Vier Jahre Wolf, oder mehr?

Die ersten vier Jahre meines Lebens schlief ich keine Nacht durch. Ich weiss nicht, wie es meine Mutter geschafft hat, jede Nacht mindestens einmal aufzustehen, um mich zu beruhigen. Aus Erschöpfung und Verzweiflung hat sie einmal versucht, mein Weinen zu ignorieren. Laut ihren Erzählungen fand sie mich blau angelaufen, halb stranguliert mit dem kleinen Bettdeckchen. Das war also keine Option.
Meine lebendige Fantasie und starke Vorstellungskraft brachten es immer wieder fertig, dass der zottelige, ausghungerte Wolf mit den gelben Augen tatsächlich unter dem Gitterbett kauerte und mich lechzend anstarrte, bis ich in Panik ausbrach; Nacht für Nacht.

Erst als meine Schwester zur Welt kam, gab ich Ruhe. Das bedeutete aber nicht, dass ich eine begnadete Schläferin wurde.

Ich versuchte, mich selbst zu beruhigen.
Genau daran erinnerte ich mich gestern Nacht, als ich wieder ganz wach wurde.

Kindliche Selbsthypnose

Gestern Nacht erinnerte ich mich daran, wie ich als kleines Mädchen versuchte, mich zu beruhigen, um einschlafen zu können. Ich hatte ein inneres Bild dazu, das einem räumlichen Konstrukt aus Holzstäben glich, die ich im Kindergarten zum Spielen benutzte. Indem ich die Holzstäbe wie zum Bau einer Blockhütte aufeinander stapelte, entstand ein Innenraum, den ich Abends im Bett visualisierte, als befände sich der Raum in meinem Kopf. Je weiter sich meine bewusste Vorstellung in die hintere Ecke oben links bewegte, je näher kam ich dem Moment, in dem sich mein Tagesbewusstsein zurückzog und in den Schlafzustand hinübergleitete.

Gestern Nacht war es mir, als wäre ich wieder in der Blockhütte, in der oberen Ecke hinten links. Die Selbsthypnose gelang mir aber nicht, denn heute habe ich keinen Wolf mehr unter dem Bett.

Die Gedanken, die wie zappelige Flöhe aus einem Sack hüpfen, sind Ideen zu Blogbeiträgen, weitreichende Zusammenhänge, denen ich nachgehen will, Menschen, die ich beschreiben möchte, Selbsterkenntnisse, die mir wichtig sind und Eireignisse, die ich nicht fertig überdacht habe…tausend Gestalten in mir.

Selbsterkenntnis

Nicht die Flöhe sind das Problem

Aus der psychologischen Handanalyse weiss ich, dass es zu meiner Lebensaufgabe gehört, meine Gefühle zu meistern. In meiner astrologischen Analyse geht es um den Ausdruck meiner Gefühle von der Herzensebene aus. Im Myers-Briggs-Persönlichkeitstest resultiert mein Typ INFP, dessen Hauptfunktion das introvertierte Fühlen ist, mit extrovertierter Intuition an zweiter Stelle.
Da ich bereits ein Leben lang mit mir verbringe, weiss ich das natürlich auch ohne diese Hilfsmittel der Selbsterkenntnis.

Kein solcher Test kann ausdrücken, was es heisst, derart intensive Gefühle zu haben; so sensibel zu sein, dass die Angst vor Gefühlsüberwältigung wie ein fletschender Wolf ist, der mich jederzeit anspringen und zerreissen kann. Die Intensität einer dichten, weiten und ständig bewegenden Gefühlswelt überwältigt mich immer wieder. Es trifft mich jedesmal wie ein schmerzliches Versagen, wenn mir jemand sagt, ich sei launenhaft. Noch erschütternder ist es aber, wenn ich als gefühlskalt betrachtet werde.

Die Intensität einer dichten, weiten und sich ständig bewegenden Gefühlswelt überwältigt mich immer wieder.

Strategien

In meiner astrologischen Radix-Zeichnung gibt es eine Form, die aussieht wie ein verschlossenes Couvert. Es ist aus der Analyse ersichtlich, dass ich meine reiche Innenwelt der intensiven Gefühle in einem verschlossenen Briefumschlag verborgen halte. Mit meinem Verstand habe ich den Briefumschlag versiegelt. Zur Sicherheit. Zum Selbstschutz. Zum Schutz meiner Lieben.

Als Kind habe ich oft gehört, ich solle mich zusammenreissen, oder solle nicht so emotional oder überempfindlich sein. Ich habe nicht gelernt, wie ich mit der Gefühlsintensität gut leben kann. Ich dachte bis jetzt, ich lebe gut, weil ich das Couvert so schön verschlossen habe und nur ganz bestimmten Menschen zu besonderen Momenten ein paar Zeilen meines Seelenbriefes vorlese, mit leiser Stimme und einer gewissen Scheu und gar Hemmung.

Wenn ich Worte meines Herzens auf der Zunge trage fühle ich mich nackt und verletzlich. Ich selber bin meine grösste Kritikerin, denn ich mag Gefühlsduselei nicht und habe eine Abneigung gegen emotionale Künstlichkeit. Kitsch ist mir unangenehm und es ist mir zutiefst peinlich, wenn ich befürchten muss, selber auf dieses Niveau abzurutschen.

Warum heult der Wolf in Mondnächten?

Mond und Gefühlswelt

“Der Mond steht für Symbolik, Innenwelt und die Verarbeitung innerer Erfahrungen. Insofern steht der Mond für den weiblich empfangenden Teil unseres Wesens und wie gesagt für den Umgang mit dem, was uns beeindruckt und auf unser Inneres Einfluss nimmt.”

Aus “Astrologie” von Frank Felber

So, wie die Symbolik der Sonne auf klare Gedanken und erhellende Erkenntnis hinweist, steht der Mond für tiefe Empfindungen, Gefühle und Emotionen.
Der Mond leuchtet nicht aus sich selbst heraus und doch ist es der Mond, der die Gezeiten bewegt, Zyklen lenkt und Ausdruck ursprünglicher Fruchtbarkeit ist.

Wolf und Tapferkeit

In vorchristlicher Zeit wurde der Wolf von Jägern für sein Geschick und seine Ausdauer verehrt und stand für Mut und Tapferkeit. In der Jagd galt er dem Menschen als ebenbürtiger oder gar überlegener Konkurrent. Mit der fortschreitenden Christianisierung, ab dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit, wurde der Wolf zunehmend dämonisiert und löste nicht mehr Bewunderung sondern Angst aus.
Sein Appetit auf Geissenkinder und rotbekappte Mädchen ist wohl bekannt. Nicht zuletzt dieser Märchen wegen haftet dem Wolf seither eine gewisse Verschlagenheit, Falschheit, List und Gnadenlosigkeit an. Was wiederum erklärt, weshalb wir gleich erahnen, was gemeint ist, wenn wir den Filmtitel “The Wolf of Wall Street” hören.

Mit den Wölfen heulen

Der Wolf, der Mond und ich

Die jungianische Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estès hat das wunderbare Buch geschrieben “Women Who Run with the Wolves: Myths and Stories of the Wild Woman Archetype” zu Deutsch: “Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte

Als ich das Buch in jungen Jahren las, sprach es die wilde Frau in mir an, die weiblichen Urinstinkte eben. Nach vier Jahren im Kloster war das sehr befreiend.

Aber wie der Mond die Dirigentin der Zyklen und des Wandels ist, haben sich auch diese Urinstinkte in mir mit dem Älterwerden gewandelt. Es liegt nicht nur an der veränderten körperlichen Ausdauer, dass ich mich nicht mehr mit den Wölfen laufend sehe. Die Dynamik des Laufens hat sich in eine Präsenz kondensiert, die nicht weniger intensiv ist als die Bewegung von früher.

Meine Nackenhaare sträuben sich und ein Schauder erfasst mich, wenn ich mir vorstelle, dass es Zeit sein könnte, mit dem Heulen des Wolfes die scheinbaren Gegensätze von Tag und Nacht, Fühlen und Denken, von Weiblichem und Männlichem wieder ins Bewusstsein von Ganzheit und Gleichwertigkeit zu bringen.

Meine Flöhe im Kopf, meine tausend kreativen Gedanken sind wie Sonnentrahlen, die zu Unzeiten meine Nacht erhellen und mich schlaflos im Bett wälzen lassen.
Der Wolf in mir heult den Mond an, wie Gedanken, die sich für meine Gefühle einsetzen, aufdass sie gefühlt, geordnet, angenommen und ausgedrückt werden. Das ist zum Heulen schwierig und schön.

Was bewegt mich denn im Innersten und wühlt mich immer wieder auf?

Wie mache ich das, den Gefühlen den Raum und Ausdruck geben, damit sie mir nicht in Form von Gedanken nachts wie Scheinwerfer ins Bewusstsein leuchten?

Wie bricht man ein Siegel auf, ohne den Umschlag kaputt zu machen, den Briefinhalt zu zerreissen? Und wann ist der richtige Moment dazu?

Wie kann ich von meinen beglückenden Gefühlen schreiben, die mich so beflügeln, dass mein Herz zu einem Universum wird?

Wie ertrage ich die emotionale Berührung von einem Gemälde oder einer Skulptur, die mich zu Tränen bewegen, weil die innere Berührung so intensiv und intim ist, wie eine Begegnung mit etwas Heiligen?

Wie schaffe ich mir den Raum, der nicht darüber utreilt und barmherzig Wahres von Unwahrem unterscheiden kann?

Welche Mitte muss ich finden, um nicht immer wieder überwältigt zu werden von innerer Glückseligkeit und erdenweiter Trauer?

Was stärkt die weltweite Seelenverbundenheit in mir, die filigran und unglaublich stark ist wie ein unendlich dehnbares Gewebe, das oft schmerzt?

Was soll in mir wachsen, damit sich Todesangst in absolutes Vertrauen und ultimative Hingabe wandelt?

Welche innere Kraft brauche ich, um in grösster Not und Entbehrung dem Nächsten nicht das Stück Brot aus der Hand zu reissen?

Welche Qualitäten, Gaben und Aufgaben sind hier von Bedeutung?

Ich habe kein mathematisches Talent. Wenn sich gewisse Zahlenkombinationen für mich unsympatisch anfühlen, kann ich sie mir nicht merken, da ich sie mir nicht vertraut machen kann. Es gelingt mir nicht wirklich, in Zahlenfolgen Muster zu entdecken. Ohne die deutsche Sprache wäre ich in der Schule untergegangen.

Ich wäre gerne Wissenschaftlerin geworden, hätte ich damals gewusst, dass man menschliche Emotionen und Gefühle studieren kann. Meine Disziplin hätte wohl nicht gereicht und meine eigenen Gefühle und Emotionen wären mir wohl in den Weg gekommen. Was ich sagen will, es hat nicht müssen sein. So erfreue ich mich heute an unzähligen wissenschaftlichen Entdeckungen und Forschungen, von der ersten Messung einer Gravitationswelle, der Erkenntnis über das menschliche Schamgefühl bis hin zur Bedeutung von Emotionen für unsere moralischen und ethischen Entscheidungen.

Die Fähigkeit, in Schönheit und Harmonie etwas ganz Grosses, Übergeordnetes zu erspüren und fraktal weiter erfühlen zu können ist keine schulische Fähigkeit. Dieser andere Blick oder Wahrnehmung sind schwer zu benennen. Gänzlich unbenennbar werden sie, wenn sie sich in meinem Geist entfalten, während ich am Bett eines sterbenden Menschen sitze oder in der Stille des Unbegreifbaren einfach weiter atme ohne geistig zu blinzeln und ganz präsent bin. Das ist ein Teil von mir wie mein Herz, mein Wimpernschlag, meine breiten Füsse, meine kurzen Beine, mein Räuspern und meine samtene Haut.

Die Frage, welche Gaben denn von Bedeutung sind, kann ich nur mir selber beantworten. Die Bedeutung, die ich mit eigenen Augen betrachte, erhält ihren Wert durch den weichen Blick einer grösseren Instanz in mir. Keine Augen schauen so unbarmherzig auf mich wie die Eigenen. Das ändert sich erst, wenn man erfahren hat, was Selbstliebe ist. Selbstliebe totz allem und vielleicht gerade deshalb. Auch diese Beziehung zu sich selbst muss gepflegt werden, wie jede andere Beziehung auch. Manchmal vergesse ich, dass ich mich selbst geheiratet habe und mir ein Versprechen gab.

Mein heulender Wolf hat mich daran erinnert. Meine Schlaflosigkeit macht das Vergessen unmöglich. Ich erinnere mich, wer ich bin und wer ich nicht bin.

Ich bin, also fühle ich.
Da stehe ich und kann nicht anders.

PS: Seit ich diesen Beitrag geschrieben habe, erfreue ich mich erholsamer Schlafqualität.

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