Mein Vater, der Indianer

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Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Kürzlich ging mir der Satz durch den Kopf: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Es gibt kaum jemand, der diesen Spruch nicht schon gehört hat. Es stimmt aber nicht, dass Indianer keinen Schmerz kennen, denn jeder Mensch kennt Schmerzen, weil er sie fühlen kann, sofern er nicht zu den ganz Wenigen gehört, die aufgrund eines Gendefektes kein Schmerzempfinden haben. 

Aus Neugierde habe ich den Spruch gegoogelt und stiess auf folgende Aussage:

Der Ursprung dieses Satzes stammt aus dem Roman „Der Schatz im Silbersee“ von Karl May. Darin steht:

„Ein Indianer wird von frühester Kindheit an in dem Ertragen körperlicher Schmerzen geübt. Er gelangt dadurch so weit, dass er die größten Qualen ertragen kann, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Und dann tauchte der Gedanke in mir auf, der mich nicht mehr losliess : Mein Vater, der Indianer

Nicht wirklich

Mein Vater war nicht wirklich ein Indianer, sondern ein Maschineningenieur.
Zur Arbeit trug er Hemd, Krawatte und Anzug,  also keine Lederkleidung mit traditionellem Kopfschmuck. Ich habe ihn nie aus einem Wigwam treten sehen, aber das Bild, das ich vor meinen Augen habe ist mein Vater, wie er allmorgens frisch geduscht und rasiert aus dem Badezimmer trat und sich die Krawatte knöpfte.

Wie sehr sich dieser Anblick mit den Bewegungen in mir gespeichert hatte, wurde mir erst bewusst, als ich viele Jahre später gebeten wurde, die Krawatte zu knüpfen für einen Verstorbenen, den wir in seinem zuhause in seinem Sterbebett zur Aufbahrung schön anzogen, mit Hemd, Krawatte und Anzug.
Ich legte die Krawatte um meinen Hals und ahmte mit geschlossenen Augen die Bewegungen nach, die ich in meiner Kindheit bei meinem Vater gesehen hatte.

Daraus entstand ein Krawattenknoten, der sogar dem kritischen Blick meines Vaters standgehalten hätte.

Mein Vater war offensichtlich kein Indianer, aber er hatte etwas an sich, dass mich an den Satz denken lässt: „ Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

Für ihn waren körperliche Schmerzen eher peinlich und wenn möglich zu ignorieren, um keine Schwäche zu zeigen. Nicht viel anders ging er mit seelischem Leiden um.

Der Grosshäuptling im Nachthemd

Ich sah meinen Vater zum ersten Mal mit Tränen in den Augen, als er erfuhr, dass sein Vater unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben war. Nicht der Tod meines Grossvaters erschütterte mich, sondern die feuchten Augen und das Schweigen meines Vaters.

Das Begräbnis meines Grossvaters war das erste, das ich erlebte. Ich war sieben Jahre alt. Neben meinem etwas älteren Bruder beobachtete ich die ernsten Menschen in den dunklen Kleidern und den verschränkten Händen. Die gedämpften Stimmen und gesenkten Blicke hatten eine eigenartige Wirkung auf mich. Wir Kinder durften mit in die Aufbewahrungshalle gehen um den Verstorbenen im offnen Sarg zu sehen. Ich war fasziniert von Grossvaters Gesichtsfarbe. Mit den eingefallenen Wangen und der markanten Nase sah er aus, wie ich mir einen Indianerhäuptling vorstellte.

Dass ein Häuptling aber in einem weissen Nachthemd im Sarg lag, das schien mir  doch sehr unpassend, geradezu lächerlich. Ausser mir und meinem Bruder schien das niemandem aufzufallen. Der Sohn des Häuptlings stand mit verschlossener Miene schweigend daneben.

Mit tadelnden Worten und gedämpftem Ton mahnte uns die Mutter zu schweigen. Die erwachsenen Blicke streiften uns distanziert.
Ich konnte mir erst Jahre später erklären, wieso mein Bruder und ich nach einem Blickwechsel beinahe losprusteten; die nicht zugelassenen Emotionen wurden für uns Kinder unbewusst als Spannung wahrgenommen, die sich durch unser unterdrücktes Lachen entladen wollte,

Der Urhäuptling
Der Grosshäuptling

Der Nachfolger des Grosshäuptlings

Der neue Häuptling und sein kleiner Stamm

Der Sohn des Häuptlings wurde selber zum Häuptling und lebte sein Leben voller Verantwortung und Pflichtgefühl; loyal, treu, zuverlässig, vorausschauend und integer. Er war ein introvertiertes Familienoberhaupt, mit einer Unnahbarkeit, die ihm eine unaufdringliche Würde verlieh, ohne Macht Gehabe nach Aussen.

Mit stolzem Ernst eröffnete er uns drei Kindern die weite Welt des Allgemeinwissens und darüber hinaus. Von ihm lernte ich, dass Wasserflöhe aufgrund der Oberflächenspannung auf dem Wasser gehen können, Brücken nicht statisch sein dürfen, da sie sich temperaturbedingt verlängern oder verkürzen, dass Baumnüsse vor dem Verzehr getrocknet sein müssen und man aus den hellgrünen Tannentrieben Melasse kochen kann. 

Ich schaute meinem Vater zu, wie er für meine jüngere Schwester und mich zwei individuelle massstabgerechte Schreibtische auf Millimeterpapier zeichnete. Er liess die Teile zuschneiden und baute die Pulte ohne Schrauben zusammen. In den drei Schubladen meines Schreibtisches hielt ich bis zu meinem Auszug von zuhause als einzigem Ort in meinem Zimmer peinlich Ordnung.

Der Häuptling und seine Tochter waren nie ganz frei und ungezwungen im Kontakt miteinander. Er wusste nicht umzugehen mit der impulsiven wortgewandten Tochter. Ich, die Tochter, konnte sich in sein Schweigen einfühlen, aber eine Deutung gelang mir nicht.

Als ich meinen Eltern eröffnete, dass ich in ein geschlossenes Kloster eintreten werde, war meines Vaters einzige formulierte Sorge, ob ich denn dort abgesichert sei mit AHV (Altersvorsorge), Versicherung und Pensionskasse.

Ruhestand


Nach seiner Pensionierung suchte er sich mit unauffälliger Beharrlichkeit Aufgaben, die mich überraschten; er machte ehrenamtlich Behindertentransporte und unternahm Segeltörns mit Freunden, die ich nicht kannte.

Mit seiner Frau, meiner Mutter, unternahm er Reisen in verschiedene Länder. Zusammen besuchten sie Freunde und freuten sich über die Enkelkinder.

Während stillen Tagen am Computer bereitete er die Unterlagen vor, die seine Wünsche und Vorkehrungen für den Fall seines Todes betrafen.
Alle Informationen und Anweisungen hinterlegte er fein säuberlich im “schwarzen Ordner”.

Wachsende Stille

Schleichend häuften sich die Situationen, da der Häuptling die Worte nicht mehr fand um sich auszudrücken. Je ungeduldiger er wurde, umso weniger konnte er sich mitteilen.

Er, der schon in den 80iger Jahren mit dem Computer arbeitete, begann mich um Rat zu fragen, wenn er Problemen mit dessen Anwendungen hatte.
Ich musste feststellen, dass nicht der Computer oder ein Programm das Problem waren, sondern die nachlassenden Fähigkeiten meines Vaters.

Auch sein Fahrstil wurde unsicherer und es kam soweit, dass ich mich weigerte ins Auto zu steigen, wenn er fuhr. 

Rückzug

Aus dem Häuptling wurde ein alter Mann und mein Herz krampfte sich zusammen, als ich seine Fähigkeiten und Qualitäten nachlassen sah. Wir alle, die Familie des Häuptlings, sahen die Anzeichen der Demenz. Sie kamen zuerst unauffällig, wurden aber deutlicher und konnten irgendwann nicht mehr ignoriert werden. 

 Als er seinen Zugang zum E-Banking dreimal in einer Woche durch Falscheingaben blockiert hatte, kam der Moment, den Tatsachen und dem Häuptling ins Auge zu sehen.

Wie sagt man einem stolzen und würdevollen Häuptling, dass seine kognitiven Fähigkeiten nicht mehr für die Nutzung eines iPhones ausreichen und er E-Banking trotz unzähligen Erklärungen und Ablaufskizzen nicht mehr nutzen kann?

Ich tat es auf seine eigene Art; mit wenigen klaren Worten,  ohne meine Gefühle zu zeigen. Wir sassen vor dem Computer und schauten uns schweigend an. Er wusste,  dass ich wusste, und ich wusste, dass er wusste. Wir wussten beide um die Gefühle im Gegenüber.

Wir wussten alle um die unaufhaltsame Demenz. Die unaussprechliche Trauer über den zu erwartenden fortlaufenden Verlust war still und leise und nistete sich in jedem einzelnen Familienmitglied ein.

Wenn der kleine Stamm zusammen war, sass der Häuptling meist schweigend am Tisch und nickte manchmal lächelnd, als ob er einen Spass verstanden hätte, aber der leicht verlorene, fragende Blick verriet, dass er der Unterhaltung nicht immer folgen konnte.
Einmal in einer Besuchsrunde, nach langem Schweigen seinerseits, lehnte er sich vor und fragte mich: „Du, Windows 10, ist das was?“ Für einen kurzen, schönen Moment hatten wir ein Gesprächsthema, dass uns schon früher verband: Computer.

Abdankung

Als es um den Umzug in eine Alterswohnung ging, sass der kleine Stamm zur Beratung am runden Tisch. Der Häuptling sagte, er werde verblöden, wie Herr X im Dorf, der seine Schuhe verkehrt anziehe. Seine Augen wurden feucht und er sass geknickt auf seinem Stuhl.

Der Stamm schwieg, denn es gab in dieser Situation keine Worte des Trostes. Ich umarmte den Häuptling, bis er ungeduldig meinte, jetzt sei es genug. 

So hat der Häuptling abgedankt; mit Einsicht, Würde und Tapferkeit, ohne Klage, scheinbar als kenne er keinen Schmerz. Dank der unbedingten Zuneigung und Sorge meiner Mutter blieb ihm vorerst die Vertrautheit der Beziehung innerhalb der Familie.

Wir teilten die Aufgaben des Häuptlings unter uns auf, da er nunmehr unser kranker Vater war. Der Umzug in die Alterswohnung wurde zügig geplant und umgesetzt.

Dankbar und weich

Mein Vater wurde weich und dankbar für jeden Dienst und jede Hilfe. Wenn er zum wiederholten Mal anrief, da er meinte, kein Geld mehr zu haben und zu verarmen, war er erleichtert und froh, wenn ich ihm den Kontostand mit meinem Handy abrufen und mitteilen konnte. Das Telefonat war nach wenigen Minuten wieder vergessen.

Die Kraft und Energie meiner Mutter konnte ich mir nur dadurch erklären,  dass sie keine Vorstellung über den Verlauf der Alzheimerdemenz hatte. Erst die konkrete Erfahrung brachte sie nach und nach an ihre eigenen Grenzen.

Es kam die Zeit, da mein Vater in der Pflegeabteilung bleiben musste. Er wurde zum dementen Mann, der umherirrt. Niemand wusste, dass er der Sohn eines Häuptlings gewesen war, der dessen Rolle übernommen hatte. Das Personal wusste nicht, wie man mit diesem abgedankten Häuptling spricht. Gefühlsgeladene Gespräche in therapeutischem oder belehrendem Ton verärgerten ihn. Er fühlte sich nicht respektiert und wurde widerspenstig und abweisend.

Aufleuchten und Verlust

Das Aufleuchten seiner Augen beim Anblick seiner Familie war Geschenk und Schmerz zugleich. Die Verbindung zu geliebten Menschen blieb sehr lange erkennbar. Die Zeichen des Ausdrucks wurden schwächer, was aber nicht bedeutete, dass sie nicht mehr vorhanden waren. 

Da mein Vater ein Häuptling war, ist mir immer klar gewesen, dass ihm Würde wichtiger war als die Angst vor dem Sterben.
Es wurde Zeit, in den “schwarzen Ordner”, schauen.
Leider war der unauffindbar, denn während den Jahren seiner zunehmenden Krankheit brachte mein Vater den Inhalt sämtlicher Ordner durcheinander und verlor die Blätter in anderen Unterlagen, die er vergeblich immer wieder zu ordnen versucht hatte.

Als sich zeigte, dass eine nicht abgeklärte Erkrankung zu seinem Tod führen würde, waren wir uns einig: nur Schmerzlinderung und Beruhigung des Leidens kamen in Frage.


Erlöschen

Einige Tage vor seinem Tod begleitete ich meinen stark geschwächten Vater zur Toilette. Ich hatte ihn noch nie nackt gesehen. Es wäre ihm peinlich gewesen,  unpassend, verunsichernd, da so menschlich und verletzlich.
In dieser letzten Begegnung, da er noch auf den zitternden Beinen stehen konnte, spielte das alles keine Rolle mehr. Ich reinigte ihn schweigend und ich spürte seinen ruhigen Atem neben mir, nicht als Häuptling, sondern als alter Mann.
Trotz seiner Gebrechlichkeit und seiner Demenz ging eine Ruhe und Gelassenheit von ihm aus.

Endlich waren wir beide einfach da, von Mensch zu Mensch. Dann sagte er: „Nun ist gut, es ist gut so. Danke.“
Ich weiss nicht, ob er wahrnahm, dass ich seine Tochter war.

Für mich waren das seine letzten Worte. Der Häuptling, der mein Vater war, starb so ruhig und unspektakulär, wie er gelebt hat.

Facetten des Seins

Mein Vater hätte sich nie als Indianerhäuptling bezeichnet. Symbolik war nicht seine Sprache.

Der symbolische Gehalt eines Bildes oder einer Rolle ist nicht rational zu verstehen. Die Botschaft ist intuitiv, die Sprache bildlich und das Verstehen jenseits der Analyse. Auf dieser Ebene haben wir uns nie verstanden. Als Indianerhäuptling hätte er sich kaum gesehen, aber ich glaube, er hätte darüber nachgedacht, irgendwo im stillen Gewässer, von dem ich nicht weiss, wie tief es war.

Ernst Fischer war mein Vater und als er starb, war es gut so wie es war. Ich bin ihm ewig dankbar, denn wir haben einen stillen Frieden gefunden miteinander.

Das Leben neigt sich weiter

Einen Monat vor dem Tod unseres Vaters, erfuhren wir, dass auch unsere Mutter an Alzheimer leidet. Sie folgt dem Häuptling auf ihre ganz eigene Art und Weise.

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