Die P4 ist auf Stufe rot des Ampelsystems

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P4 ist eine geschützte Wohngruppe

P4 ist ist die geschützte Wohngruppe für Menschen mit einer Demenzerkrankung. Meine Mutter hat eineinhalb Jahre in dieser Gruppe gelebt, bis sie vor zwei Monaten an einem akuten Herzversagen gestorben ist. Es war ein gnädiger Tod, denn er verhinderte ein weiteres Abgleiten meiner Mutter in die Unerreichbarkeit und innere Isolation als Folge der Alzheimerkrankheit.

Auch nach dem Tod meiner Mutter liessen mich die Gedanken an die Bewohner und das Personal von P4 nicht ganz los. Dank der Schutzmassnahmen im Pflegeheim gab es auf P4 bis zum Tod meiner Mutter keine Covid-19 Erkrankungen.
Die täglichen Zahlen über die Opfer der zweiten Pandemie-Welle liegen konstant hoch, Tag für Tag. Gestorben wird häufig in Altersheimen und Pflegeabteilungen. Da spricht man nicht von Beatmungsgeräten, Intensivpflegebetten und Heilungserfolgen.

Als ich mich deshalb kürzlich auf der Homepage des Pflegezentrums über die Situation bezüglich Covid-19 informierte, las ich die Überschrift “Die P4 ist auf Stufe Rot des Ampelsystems”.
Das hat mich erschüttert.

Der unpersönliche Tod

Das Herz meiner Mutter hat zwei Wochen nach ihrem 83. Geburtstag aufgehört zu schlagen. Krankheit und Alter waren aus der Todesanzeige ersichtlich. Ich fragte mich, wieviele Menschen wohl die Todesanzeige überflogen haben, so wie ich es jeweils tue, wenn ich die Zeitung durchblättere und lese.
Mein Blick fährt über den Jahrgang, und wenn er auf einen jüngeren Menschen schliessen lässt, suche ich nach mehr Informationen: woran ist dieser Mensch wohl gestorben, was ist passiert? Die eigene Vergänglichkeit rückt näher, wenn ich die Anzeige eines Verstorbenen mit meinem Jahrgang sehe. Ab einem gewissen Alter halte ich es für normal zu denken, dass man mit jedem Jahr dem Ende seines Lebens näher kommt; die Frage ist nur, ob man diese Gedanken zulässt.

Memento Mori: Bedenke Mensch du bist vergänglich

Der Tod ist unpersönlich, bis wir ihm persönlich begegnen, sei es durch den Verlust eines nahestehenden Menschen, eine potenziell tödliche Diagnose, existentielles Leid oder durch eine prägende Erfahrung.

Der berührende Tod

Ich war knapp volljährig, als ich unversehens am Sterbebett einer 102 Jahre alten Frau sass. Sie griff mit ihrer knochigen Hand nach meinem Arm, als ich zur Reinigung des Spitalzimmers neben ihrem Bett stand und bat mich mit schwacher Stimme, bei ihr zu bleiben und sie nicht zu verlassen. Also setze ich mich zu ihr, nahm ihre Hand und schaute zu, wie sie selber ruhiger und ihr Atem flacher wurde. Draussen schien die Frühlingssonne und Kinder liefen lachend über die Wiese. Es berührte mich auf eine zarte Art, dass ich Zeugin des ruhigen Ablebens dieser Frau sein durfte, die 102 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte. Ich blickte auf die dünn geäderte Haut der alten Hand und stellte mir vor, dass diese Hand mehr als ein Jahrhundert früher das winzige patschige Händchen eines Säuglings gewesen war.

Was für ein Jahrhundert! Während aus dem Kinderhändchen eine Greisenhand wurde, zogen zwei Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Pandemien, nukleare Bedrohung und Naturkatastrophen über die Weltenbühne. Wie hatte diese Frau ihr Leben bewältigt, die Herausforderungen gemeistert und ihre Liebe gelebt? Der weite Bogen eines mir unbekannten Lebens schien mir unbegreiflich und doch real, forderte aber auch ein Aushalten der Spannung zwischen dem pulsierenden Leben draussen, in mir selber und dem nahenden Lebensende dieses Menschen. Es war eine Erfahrung, die mich nachhaltig geprägt hat

Einfalten

Während des letzten Besuches bei meiner Mutter auf der Abteilung P4 habe ich ihr die Fingernägel geschnitten. Wir sassen nebeneinander auf der Bettkante und ich nahm ihren Atem wahr, sah ihre geschwollenen Füsse und schnippelte an den Fingernägeln herum. Danach legte sie sich hin und wollte schlafen. Das war so ungewohnt, dass ich mir nicht sicher war, ob sie mich bei diesem letzten Besuch noch erkannt hatte.

Ich ging leise aus dem Zimmer, ohne zu ahnen, dass es unsere Letzte Begegnung war, obwohl sie mir vorkam wie eine Blume, deren Blütenblätter sich auf den Abend hin zu schliessen beginnen und sich ihr Lebensbogen satt anfühlte.

Im Aquarium

Die Welt von P4, der Demenz-Wohngruppe, gleicht der Atmosphäre nach einem Aquarium; es herrscht meist eine angenehme Ruhe und eine Verlangsamung wie unter Wasser. Die betagten Menschen bewegen sich langsam und bedächtig oder sitzen in ihren Sesseln und beobachten die Umgebung. Auch die Reaktionen auf ein Nicken mit dem Kopf oder einem Winken kommt verlangsamt oder überhaupt nicht. Ein Lächeln als Antwort kam mir vor wie ein wunderbares Geschenk.


Der schönste Moment war jeweils die Reaktion auf dem Gesicht meiner Mutter, wenn sie mich kommen sah. Ihr Strahlen und ihre unverhohlene Freude und Überraschung bleiben mir unvergesslich. Und doch waren die Besuche auch bedrückend.

Es ist schwer, die Situation und sich selber zu ertragen, wenn man an die Grenzen der Geduld kommt und der dementen Mutter nicht mehr gerecht wird. Ihr feines Gespür für emotionale Nuancen nahm dies alles wahr, auch wenn sie es verstandesmässig nicht mehr einordnen konnte.


Die Gewissheit aber, dass meine Mutter in P4 von liebevollen Menschen gepflegt wurde, war mir in all der Zeit ein unsagbarer Trost. Die Pflegenden begeben sich für die Dauer ihres Arbeitstages in die “Unterwasserwelt”, passen sich dem Rhythmus der Bewohner an und gewähren gleichzeitig professionelle Pflege und menschliche Nähe; Akrobaten zwischen Personalengpässen und vollem Einsatz, zwischen Sparmassnahmen und Erwartungen, zwischen Tempo und Verlangsamung, zwischen Lachen und Weinen und anderen Realitäten.

Gestorben wird immer

Und draussen dreht sich die Welt weiter, als befände sie sich in einem anderen Universum. In der Welt ausserhalb von P4 werden Todesanzeigen gedruckt und gelesen. Wer keinen Bezug zu den Verstorbenen hat, blättert weiter; das ist menschlich.


Was ich als unmenschlich empfinde ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Absicht, mit den Schutzmassnahmen die Verletzlichsten zu schützen. Wem es heute gleichgültig ist, ob Menschen in Pflegeheimen und Abteilungen wie P4 in Isolation an Covid-19 sterben, der ist sich wohl nicht bewusst, was das für sein eigenes Erleben im Alter bedeuten könnte.

Menschen, Menschen, Menschen

Es gehen Menschen skifahren oder auf Einkaufstour, während andere Menschen um das Leben schwer erkrankter Menschen kämpfen oder schwächere Menschen schützen wollen. Es gibt Menschen, die mit Denkarbeit eine wirksame Strategie zur Eindämmung der Pandemie suchen, es gibt Menschen die mit Denkarbeit einen Weg zum Schutz der Wirtschaft finden wollen und es gibt Menschen, die schimpfen über jenen oder dieses und es gibt Menschen, die versuchen dem Guten Ausdruck zu geben durch Hilfe, Unterstützung und Besonnenheit.
Ja genau, es geht immer um Menschen, Menschen, Menschen.

Wir alle haben gemeinsam, dass wir geboren werden, dass wir leben und dass wir sterben. Alle. Früher oder später.
Kurz ausgedrückt: heute sind wir jung, morgen sind wir alt und übermorgen sind wir tot. Dies nennt sich Leben.

Das Leben fragt uns

Der Psychiater Viktor E. Frankl, der drei Jahre im KZ verbracht hatte, schreibt über das Leben: “ Es kommt nicht darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr darauf, was das Leben von uns erwartet.” Das Leben fragt uns, und es liegt an uns, dem Leben zu antworten. Welche Fragen werden jedem einzelnen von uns gestellt und was sind unsere Antworten?

Jeder einzelne Mensch, der in der Abteilung P4 demente Menschen betreut und für ihr Wohlergehen sorgt, ist eine Antwort auf die Fragen, die das Leben stellt.

Sie stehen stellvertretend für alle, die im Dienste der Menschen stehen: pflegend, hegend, betreuend und begleitend bis zum letzten Atemzug.

Dank

Euch allen von P4 sende ich an diesem 24. Dezember meinen Dank, meinen Respekt und Achtung und den innig verspürten Wunsch, dass es euch gut gehen möge, dass ihr immer wieder Kraft und Geduld findet, in der langsamen stillen Unterwasserwelt; aber auch in eurem Leben, eurem Inneren und in den Beziehungen zu euren Lieben.

Euch allen widme ich diesen Beitrag. Gesegnete Weihnachten!

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